Biografie

WolveSpirit

Blue Eyes

 

WolveSpirit ist mehr als eine Band. Stopp, nicht schon nach diesem ersten Satz genervt die Augen verdrehen. Wir wissen ja alle, dass so etwas schnell daher gesagt ist, meist nicht mehr als eine werbewirksame Floskel. Meist. WolveSpirit ist anders. Überzeugter. Echter. Die Band brennt auf höherer Flamme, egal was sie tut. „Wir alle sind Freigeister“, fasst Frontsängerin Deborah Craft zusammen. Der oberste Grundsatz der psychedelischen Rock-Traumfänger aus Würzburg lautet dann auch: Mach es selbst, wenn du wirklich zufrieden sein willst. Also noch so eine Floskel, die von jeder Band bemüht wird, die gerade mal ihre Gitarren selbst stimmt. Bei WolveSpirit steckt mehr dahinter. Aber das werdet ihr schon noch merken.

 

Die Truppe um die US-amerikanische Sängerin mit dieser Stimme, die die Toten aufwecken kann, hat auf bisher drei Platten und zwei EPs gezeigt, dass sie das nötige Rüstzeug besitzt, um mit den ganz Großen der Classic-Rock-Welt mitzuspielen. Das letzte Werk „Free“ versetzte alle wichtigen Rock-Magazine in atemloses Staunen, animierte die Presse zu einfallsreichen Superlativen, verschaffte ihnen eine Support-Tournee für die großen Uriah Heep oder einen Auftritt beim Bulli- und Bumenkindertreffen auf Burg Herzberg. Das Besondere: All das geschah ohne die Hilfe eines großen Labels und eines ausgeklügelten Marketing-Plans. Es geschah aus dem Bauch heraus, möglich gemacht durch eine Band, die seit ihrer Gründung 2009 weit gekommen ist, dabei immer Herr der Lage war und nie den Fehler gemacht hat, sich zu verbiegen oder zu verraten, um eine Handvoll Platten mehr zu verkaufen. Leichter wurde es dadurch nicht. „Das ist der Preis, den wir für unsere Freiheit zahlen“, so die Frontfrau. Sie wuchsen daran, lernten nie aufzugeben – und sind nach sechs Jahren eine gestandene Band, selbstbewusster denn je und durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Das Schielen auf Erfolg, auf Chartpositionen, das überlassen sie gern den anderen.

 

Außergewöhnliche Rock-Musik, die den Funken vergangener Großtaten in sich trägt und sich doch im Hier und Jetzt entzündet, die machen sie hingegen am liebsten selbst. Und katapultieren ihre beispiellose Erfolgsgeschichte mit dem neuen Album „Blues Eyes“ in neue Höhen. Mit dröhnender Hammond-Orgel, wabernden Gitarren und Debbies schlichtweg unbeschreiblicher Stimme treten WolveSpirit mit ihrem definitiven Werk erneut ins von Rauchschwaden umhüllte Rampenlicht der Rock-Welt. Die Harmonie, die diese Band im Kern zusammenhält, sie wird offenbar in seelenvollen, wirklich gefühlten und deswegen so ungemein kraftstrotzenden Rock-Songs, die manche vorschnell proklamierte Sensation der Retro-Rock-Welle mühelos an die Wand spielt.

 

Ob das nun Hard Rock, Blues Rock, Classic Rock oder Psychedelic Rock genannt wird, ist WolveSpirit egal. „Wir machen uns keinerlei Gedanken über irgendwelche Stilrichtungen. Wir sind ausnahmslos offene Menschen, die keinen Einschränkungen unterliegen. Das ist ja das Schöne an Kreativität: Wir müssen uns keine Gedanken darüber machen, was wir da gerade tun. Ob uns das jetzt retro macht? Keine Ahnung!“ Natürlich ist den Stücken anzuhören, dass Led Zeppelin, Deep Purple oder Uriah Heep gehörig Eindruck auf die Würzburger gemacht haben. Sie nachzuahmen kommt für Debbie und ihre verschworene Glaubensgemeinschaft deswegen noch lange nicht in Frage. „Niemand sollte Helden haben“, stellt sie klar. „Man sollte sich selbst finden und seinen eigenen Weg gehen.“

 

Den gehen WolveSpirit. Mit allem was dazugehört. Bis auf Schlagzeuger Daniel Erich Scholz leben die Bandmitglieder Deborah Craft (Gesang), das Brüderduo Richard und Oliver Eberlein (Gitarre, Orgel) sowie der neue Bassist Phil Miller in einer Künstlerkommune – Friede, Harmonie, kurze Wege. In allem, was sie tun, drückt sich ihr Grundgedanke aus – und die Musik, betont Debbie, ist da nur ein Teil. „Aber sie vermittelt unsere Botschaft von Liebe und Toleranz. WolveSpirit steht für unsere Lebenseinstellung, die alles umfasst: Musik, Kunst, Gefühle, Ernährung, spirituelles Denken.“ Ihre Spiritualität könnte nicht weiter von aufgesetztem Eso-Denken entfernt sein und manifestiert sich in einer universellen Botschaft: „Die Liebe ist der Weg.“

 

Man ist nach allem versucht, in WolveSpirit eine Bande verklärter und berauschter Hippies zu sehen, die nachts zusammen den Mond anheulen und Bäume umarmen. In Wirklichkeit ist es eine Band aus engen Freunden, die mit offenen Augen durchs Leben geht und die Höhepunkte und Tiefschläge der Existenz in furiose Rock-Songs packt. „Ich finde es wichtig, dass man Erlebnisse in Songs aufarbeitet und dadurch Weisheiten erlangt“; betont die Tochter eines US-amerikanischen Soldaten und einer deutschen Mutter. Im Falle von „Blue Eyes“ war das vor allem eine Liebesgeschichte. „Ich war lange Single, habe diese Zeit auch bewusst genutzt, um mich besser kennenzulernen. Dann tritt meine wahre Liebe in mein Leben – und dieser Mann hatte nun mal zufällig blaue Augen.“

 

Liebe als Motor ist die eine Seite auf dem neuen Album, das von Andrija Tokic (Alabama Shakes) in Nashville, Tennessee aufgenommen wurde. Die andere Seite beschwört uns, auch in dunklen Zeiten den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Der Opener „You Know That I'm Evil“, die Gedichtvertonung „Still I Rise“, deren aufrüttelnde Vorlage eine Sklavin verfasste, vor allem aber die hochemotionale und bittersüße Achterbahn „Road of Life“ erzählen davon, nicht aufzugeben. „Bei den Aufnahmen zu dieser Nummer wurde ich sehr von Johnny Cash inspiriert“, erzählt Debbie. „Seine berührende Geschichte gab mir viel Kraft.“ In Nashville, eine Stadt, deren Wirkung die Sängerin mit der eines berauschenden Parfums vergleicht, durchlebte sie all diese Emotionen erneut. „Therapiearbeit“, sagt sie dazu.

 

Wir haben es doch gesagt: WolveSpirit sind anders. Ein Song ist bei ihnen nicht nur ein Song. Ein Konzert nicht nur ein Konzert, ein Plattencover nicht nur ein Plattencover. Jedes Puzzleteil ist Ausdruck einer tiefen inneren Überzeugung und nur da, weil es wichtig für das Gesamtbild ist. Nichts dient als Füllmaterial, nichts als Marketing-Tool. Das zwang die Band in den letzten Jahren zu vielen Kompromissen, das stellte sie immer wieder vor die Frage, ob diese DIY-Mentalität aufrecht erhalten werden kann. „Blue Eyes“ dokumentiert eine Band, die sich glücklicherweise durch nichts von ihrem Kurs abbringen ließ. Und stärker denn je zurückgekehrt ist – mit einem Album, das aus allen Hochs und Tiefs ein faszinierendes Stück zeitloser Rock-Tugend geschmiedet hat. Trends werden kommen und gehen. Ein Album wie „Blue Eyes“ wird bleiben.

 

Björn Springorum